[Mein Ausstieg aus dem Beamtentum – Mein Einstieg ins Leben] Die beschlossene Kündigung. Mein WARUM. Meine Gründe.

Mein beruflicher Hintergrund

Nach meiner ersten richtigen Arbeitsstelle in Izmir, Türkei, bin ich nach Deutschland zurück um eine Beamtenstelle an einer staatlichen Schule anzunehmen. Ich hatte mich selbst darum bemüht und mich an einigen Schulen beworben. Letztlich hat mich und habe ich eine Schule in Baden- Württemberg überzeugt, sodass ich im September 2017 ins „Abenteuer Beamtentum“ starten konnte.
Ich war im Gegensatz zu vielen meiner Kommilitonen, niemand, der das Beamtentum immer als absolutes Ziel hatte. Was für manche Sicherheit ist, bedeutet für andere eher „Fesseln“. Je nach Lebenskonzept…
Trotzdem wollte ich gerne nach Deutschland zurück , diese Erfahrung selbst machen und nahm mir einmal mehr meine Freundin Julia zum Vorbild 🙂
Die Schule, an der ich meine Beamtenstelle antrat, war eine Gemeinschaftsschule. In vielerlei Hinsicht war sie das genaue Gegenteil der Schule in Izmir.
Ich arbeitete also als verbeamtete Lehrerin an einer staatlichen Schule, merkte aber bald, dass es nicht das Richtige für mich war. Viele Faktoren spielten ineinander, und ein Wochenende in Arco gab den entscheidenen Impuls. Die Reihe „Mein Ausstieg aus dem Beamtentum“ beleuchtet den Prozess, den ich in dieser Zeit durchlaufen habe. Bis hin zur Kündigung und beruflichen Neu- bzw. Andersorientierung.

 

Die innere Stimme

Ich könnte hier viele rationale Gründe aufzählen, aber letztlich zählt doch, wohin mich mein „inneres Navigationssystem“ (um es mit Stefans Worten zu sagen) zieht. Und sind wir mal ehrlich – ganz tief drin wissen wir ALLE, was wir wirklich wollen in diesem Leben. Manchmal ist dieses Wissen bzw. Gefühl derart überlagert, dass man es erst Freischaufeln muss, aber es ist da.

Ich hatte noch guten Zugang dazu. Es war immer da.

Erst vor wenigen Tagen bin ich über einen Blogeintrag von mir hier gestolpert, in dem ich bereits im April 2015 (als ich mir mein erstes Wohnmobil gekauft habe) geschrieben hatte:

Ich weiß nicht, wie mein Leben weitergeht, was ich in einem Jahr machen werde. Fest steht, dass ich an meiner aktuelle Schule nicht glücklich bin und nicht dazu passe (oder die Schule nicht zu mir, das kann man ja drehen wie man will).

Das hat mich etwas schockiert. Ich wusste es bereits damals. Natürlich kam da wieder der Verstand daher, der alles aufs Referendariat schiebt und dass danach alles besser wird, wenn man nicht mehr den ständigen krassen Leistungsdruck hat…

Zugegeben, meine erste Anstellung an einer Schule war wirklich ein Traum! Die Zeit, die ich an der Deutschen Schule in Izmir hatte, gehört mit zur besten meines Lebens. Tolle Kollegen, tolle Schüler, ein super schönes Schulgelände und natürlich die Umstände, die das Leben in einem solchen Land mit sich bringt: Sonne satt und Meer jeden Tag. Lebensqualität pur.

Trotzdem war auch dort nicht immer alles “eitel Sonnenschein”. Ich hatte eine depressive Phase und entschied, nach Deutschland zurückzugehen und dort die Lehrerlaufbahn bis zum “Ende”, bis zur Verbeamtung durchzuziehen. Nur, wenn man etwas selbst erlebt hat, kann man schließlich mitreden. Nach eineinhalb Jahren Türkei trat ich also meine erste Stelle mit Aussicht auf Lebenszeitverbeamtung an. An einer Schule, die in vielerlei Hinsicht anders war, als die in Izmir. In Izmir hat einfach vieles die negativen Punkte, die es natürlich auch dort gab, Wett gemacht. Die Schule in Deutschland hat mir viel stärker vor Augen geführt, warum ich mich in diesem Schulsystem nicht wohl fühle:

Gesundheit

Ich bin überzeugt davon, dass viele Krankheiten Resultate unseres Handelns sind. Gewiss, manches ist genetisch bedingt, aber ob es ausbricht… ist eben die Sache. Ich hatte vor meinem Jahr als Lehrerin in Deutschland nicht gewusst, wie eine Krankmeldung aussieht. Als Lehrerin hat man den komfortablen Status, nicht schon ab dem ersten Tag eine Krankmeldung zu benötigen.
In diesem Schuljahr hatte ich solche hingegen mehrfach bekommen.

“Geh Du vor”, sagte die Seele zum Körper, “auf mich hört er nicht. Vielleicht hört er auf Dich.”
“Ich werde krank werden, dann wird er Zeit für Dich haben”,
sagte der Körper zur Seele.

Davon bin ich fest überzeugt. Und es wäre so weitergegangen, mit den Krankmeldungen.

Das ist ein Punkt, einer von vielen.

Menschliches Lernen

Lernen im 45-Minuten-Takt. Ernsthaft?

Hat beispielsweise jemand von den Vanlifern seinen Van im 45-Minuten-Takt ausgebaut: erst 45 Minuten mit der Solaranlage beschäftigen (Physik), dann 45 Minuten mit dem Innenausbau (AG), 45 Minuten mit der Planung der nächsten Reise (Erdkunde) und dann wieder 45 Minuten mit Fahrzeugwartung, -reparatur und Co. …. ?!

Oder gestalten andere ihr Leben gemäß dem „Vorbild Schule“ getaktet und aufgeteilt in verschiedene Fachgebiete, nach einem festen Plan?

Von soetwas wie „Flow“ brauchen wir in dem Zusammenhang wohl gar nicht sprechen… den erleben manche Kinder wohl nur noch beim stundenlangen Computerspielen. Glücklich kann sich schätzen, wer diesen Zustand für sich wiederfindet und erleben darf.

Jedem mit halbwegs gesundem Menschenverstand leuchtet ein, dass diese 45-, oder sei es auch die 90-Minuten Stückelung alles andere als sinnvoll ist. Ich jedenfalls kann sie kaum noch ernsthaft vertreten.

Einsortierung in Klassen

Warum ist man der Meinung, dass z.B. alle 14-jährige genau das gleiche lernen sollen? Vielleicht interessiert sich der eine erst später für ein bestimmtes Themengebiet, was einen anderen schon in der Grundschule so sehr interessiert hat, dass er im Unterricht nur unterfordert ist (Der auf seine Nachfrage aber gesagt bekommt, dass er sich damit bis zur 5. Klasse gedulden muss)? Warum soll man nur mit Gleichaltrigen lernen?

Ich lerne so viel – von bedeutend älteren und bedeutend jüngeren Menschen, natürlich auch von gleichaltrigen.

Hierarchie

„Ich sag, wo es lang geht und die Schüler haben zu funktionieren.“

Diesen Satz hört man in Lehrerkollegien nicht nur vereinzelt. Mir tut es im Herzen weh, mitzubekommen, wie manche Schüler zusammengeputzt werden, wenn sie „nicht funktionieren“. Man sollte eher an der Ursache ansetzen, nicht am Symptom.*

Welches Recht habe ich, mich derart über die Schüler zu stellen und ihnen zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben? Klar, ich habe mehr Lebenserfahrung, bin Experte für Sprachen und habe auch sonst einige Fähigkeiten, diesie von mir lernen können. Aber können wir nicht immer gegenseitig voneinander lernen? Und zwar dann, wenn man sich bereit fühlt dafür? Viele Schüler sind in jungen Jahren schon Experten für Themen, von denen ich kaum Ahnung habe: ein Instrument spielen, eine bestimmte Sportart und so viel mehr.

Ich wünsche mir eine Begegnung auf Augenhöhe.

*Ursache statt Symptom

Einen Großteil der Pubertät verbringen die Schüler in der Schule. Jeder, der sich an seine eigene Jugend zurückerinnert, weiß, dass man mit sich selbst schon genug beschäftigt ist  – und dann auch noch Schule? Funktionieren. Leistung bringen. Verglichen werden. Dabei macht doch jeder seine ganz eigene, individuelle Entwicklung mit. Das klassische Schulsystem wird dem oft nicht gerecht.

Zeitgemäß?

Sich Wissen anzueignen und wiederzugeben, ist heute nicht mehr DIE anzustrebende Fähigkeit. Das können Computer schon lange viel besser als wir Menschen. Worauf es in Zukunft ankommen wird, sind Werte und der menschliche Umgang miteinander – Fähigkeiten, die kein Computer lernen kann; Fähigkeiten, die uns als Menschen ausmachen.

Zweiklassensystem

Natürlich war es mal eine Erfahrung, „auf der anderen Seite“ zu stehen: Als Beamter hat man weniger Abzüge beim Gehalt (aber: kein Einzahlen ins Sozialsystem –> kein Arbeitslosengeld), kaum Wartezeiten bei Ärzten dank Beihilfe und privater Krankenversicherung, Fahrtkosten und vieles mehr extra bezahlt, keine Angst mehr um den Job.
Aber kann‘s das wirklich sein? Neben Kollegen zu sitzen, die die gleiche (oder gar mehr) Arbeit machen, wie man selbst, die aber 1000€  weniger monatlich verdienen, weil sie nicht das Glück hatten, eine Beamtenstelle zu ergattern?

Selbstbestimmung adé (Lehrer)

Jammern auf hohem Niveau. Trotzdem: nicht ein flexibel  einsetzbarer Urlaubstag. Freie Tage und Wochen immer auf zwei bis drei Jahre im Voraus vorherbestimmt. Fühlt sich für mich nicht passend an. Wo bleibt da die vielgepredigte Inidivualität? Lehrer oder Eltern: Im Winter mal auf der Südhalbkugel für mehrer Wochen Urlaub machen – kaum möglich.

Selbstbestimmung adé (Gesellschaft)/ Schulpflicht

Kinder müssen, sind sie und ihre Eltern in Deutschland gemeldet, ab einem bestimmten Alter zur Schule gehen. Schulpflicht nennt sich das. Bei Zuwiderhandlung gibt es Konsequenzen, Strafen, bis hin zu z.B. Beugehaft für die Eltern. Will man, wie es in anderen Ländern größtenteils erlaubt ist, seine Kinder selbst oder außerhalb des Schulsystems “beschulen”, muss man sich aus Deutschland abmelden und kosequenterweise auch das Land verlassen. Es genügt also nicht, dass das Kind die entsprechende Bildung erreicht, nein, es muss sich zu bestimmten Zeiten in der Institution “Schule” aufhalten.
Da kann man schon mal drüber nachdenken…

In diesem Zusammenhang sei auch mal auf das Buch Und ich war nie in der Schule: Geschichte eines glücklichen Kindes von André Stern* verwiesen. Es zeigt ganz wunderbar, dass es auch anders geht, und dass man nicht erst weg muss vom Flow und seinen Interessen um eine “Allgemeinbildung” zu bekommen, um dann irgendwann mal wieder zu seinen Interessen zu finden (wenn man es denn dann noch schafft), die man während der Schulzeit eventuell aus den Augen verloren hat.

Lernen im Leben fürs Leben

Unsere Kinder lernen Vieles erstmal nur in der Theorie. Als Lehrer versucht man, ihnen Anwendungsmöglichkeiten im Alltag näher zu bringen. Manchmal schwierig: Wozu muss man die Bogenlänge eines Teilkreises ausrechnen können?
Warum gehen wir nicht umgekehrt vor? Stehe ich vor einem Problem, ist es ein ganz normaler Prozess, dass ich mir Lösungen suche. Sei es im Internet, jemanden, der mit hilft oder einfach ausprobieren. Was ich in solchen Situationen lerne, daran erinnere ich mich tausendmal besser als an etwas, was ich in der immer gleichen Umgebung in der Theorie lernen musste.

 

Das war jetzt viel „weg von“… ich habe auch noch ein paar „hin zu“-Gründe.

Doch vorher noch eine Anmerkung: Ja, da steckt viel Kritik drin. Nein, ich hab kein Patentrezept für eine “bessere” Schule (naja, außer man stellt einfach mal das gesamte System auf den Kopf… aber das ist ein Thema für sich.) Ja, es gibt alternative Schulen mit guten Ansätzen (Bravo, bitte weiter so!).

 

Die “hin zu”-Gründe:

Berufliche Alternativen vorhanden

Es gibt sie! Wenn sogar Physiotherapie, Friseur und andere handwerkliche Berufe „auf die Straße“ gebracht werden können (Stichwort digitale Nomaden), dann ist das im Bereich Bildung ja wohl auch möglich. Im Jahr 2017 durfte ich so viele Leute kennenlernen (u.A. seien hier die „Camper Nomads“ genannt), die von unterwegs ortsunabhängig arbeiten und bei denen es funktioniert. Das zu sehen und dann auch noch den einen oder anderen Tipp zu bekommen, gibt unglaublich Auftrieb und lässt vieles, was weit weg war, auf einmal möglich erscheinen (so zum Beispiel meine eigene Selbstständigkeit).

Ortsunabhängiges Leben

Ich möchte gerne selbst bestimmen, wann ich wo bin. Ob ich den Winter im warmen Süden verbringe oder in den schneebedeckten Bergen, in der Heimat oder unter den Polarlichtern. Die Welt ist so groß und ich möchte noch viel von ihr sehen.

Selbstbestimmtes Leben

Morgens um 6 aus dem Bett quälen, weil die Schule nunmal um 7.30 Uhr anfängt? Für mich ein großer Faktor… Mein Schlaf ist mir heilig und es gibt nichts Schöneres als ausschlafen zu können. Oder eben mit dem Wecker aufwachen, aber aus einem selbstgewählten Grund.

Selbstverantwortung

Wenn man mit einer anderen Motivation an die Dinge herangeht, erscheint auch unangenehmes leichter. Woher kommt die Motivation? Daher, dass ich selbst über mein Leben bestimmen und dafür Verantwortung übernehmen kann. Und schon steht man viel lieber früh um 6 auf.

Wertschätzung und Spaß am Arbeiten

Diesen Punkt kann ich wohl nur ergänzen, weil ich mittlerweile die Erfahrung gemacht habe: Sei es Sprachkurs oder Nachhilfe, mein Gegenüber hat eine andere Haltung mir gegenüber als eine Klasse, die jetzt gerade eben Französisch oder Erkunde lernen MUSS, weil irgendjemand es so in den Stunden- bzw. Lehrplan geschrieben hat und oder es als “Wahlpflichtfach” gewählt wurde. Dazu kommt, dass die Arbeit mit einem Mal sogar Spaß machen kann. Ungeahnte Erfahrungen!

 

 

Das waren nun die wichtigsten Gründe für mich. Es sind meine persönlichen Gründe und es gibt bestimmt ganz viele Gegenargumente. Mag sein. Das hier ist mein Standpunkt.

Ich freue mich ehrlich für jeden, der einen ähnlichen Weg gegangen ist wie ich und seine Erfüllung als Lehrer mit hoffentlich unbefristetem Vertrag in unserem Schulsystem findet. Für mich ist es allerdings nicht das Richtige.

 

montagsfieber Retreat

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Die gesamte Reihe zu meinem Ausstieg aus dem Beamtentum findest du hier (klick).
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